Der petro-maskuline (Cara Daggert) Kapitalismus als Postdemokratie (Colin Crouch) ist die heutige Form der globalen Hegemonie. Er wird von den meisten Menschen nicht hinterfragt, sondern automatisch reproduziert. Es ist die zu wenig reflektierte politisch gewollte Abhängigkeit von fossilen Energieträgern genauso wie die zu wenig hinterfragte Rolle von (über)reichen Männern in unserer Gesellschaft. Zuerst eine kurze Definition von Petromaskulinität: Verflechtung von Klima und Gender – Identität durch Öl (etwa, wenn Windräder oder E-Autos aktiv bekämpft werden); Autoritarismus als Reaktion auf nicht-therapierte Angstzustände, etwa wegen der Klimakatastrophe (man weiß ja, dass es falsch läuft, ist aber selbst zu Veränderung unfähig, oder man ist selbst im Hamsterrad gefangen); so genannte Petronostalgie („die guten alten Zeiten“) sowie Abgrenzung zu Ideen, die die Klimakrise (sozial) bewältigen wollen (z.B. die pauschale Diffamierung von ökosozialen Ideen als „Marxismus“).
Die primären Merkmale von Postdemokratie sind kurz: Wahlen verkommen zu formalen Hüllen und ändern im Prinzip wenig (hier passt auch die Unterscheidung zwischen Staatsmacht und Staatsapparat, siehe weiter unten); es herrscht einer immer kleiner werdender pseudo-elitärer Zirkel (zB Tech-Oligarchen oder eine abgehobene weltfremde Kaste von Politiker*innen); öffentliche Aufgaben werden immer weiter privatisiert und damit schlechter (siehe UK, USA, Pläne dafür auch im deutschsprachigen Raum); Bürger*innen werden immer passiver, gewollt (Resignation) und ungewollt (siehe vier/fünf Zeilen weiter oben); Politik wird dominiert von PR-Sprech und Spin-Doktoren (siehe ÖVP unter Kurz).
Wie man sieht, überschneiden sich Petromaskulinismus, Postdemokratie und Kapitalismus extrem. Das ist die nahezu perfekte Definition der Jetztzeit. Und allen dreien ist auch gemeinsam, dass sie imperialistisch sind sowie missionarisch. Damit meine ich, dass es keinen staatlichen Flecken auf der Erde mehr gibt, an dem nicht nach kapitalistischen neoliberal-globalisierten Grundsätzen gehandelt und regiert wird; und dass der Kapitalismus mit seinen Jüngern keine gegenteiligen Meinungen zulässt: diese ‚Jünger des Kapitalismus‘ predigen Austerität und Hayek (der auch einer der unseligen Väter der libertären Pest war), sie lehren nicht bloß. Es hat etwas sehr Sektenhaftes an sich. Wir schauen uns das näher an.
In den Mainstreammedien gibt es aktuell – und eigentlich seit Jahrzehnten - kaum Gegenstimmen gegen dieses herrschende Narrativ der Gier, des unendlichen Konsums, der Unendlichkeit der Ressourcen unseres Heimatplaneten. Weder in Zeitungen (die ohnehin kaum mehr gelesen werden), noch im Fernsehen (das kaum mehr geschaut wird), gibt es ausreichend Gegenstimmen, die den Status Quo kritisieren würden. Man wird permanent mit neoliberalen Phrasen bombardiert, die petromaskuline Hegemonie wird permanent als alternativlos hingestellt. Und nicht nur das, man feiert heute sogar die schlimmsten Männer bzw. Vertreter wie Trump oder Milei als Helden. Und das kam so…
Die herrschende Klasse, die vom Kapitalismus am meisten profitiert, ist wie immer zahlenmäßig in der Minderheit, es sind maximal 10% (Über)Reiche, aber durch ihren Status als mechanischer Block bzw. staatlicher Block (Gramsci) und ihrer Macht über den Staatsapparat, sind sie relativ unangefochten an der Spitze der Nahrungskette. Die Staatsmacht (nach Louis Althusser) können wir durch Wahlen ein bisschen ändern, aber der (ideologische) Staatsapparat – insbesondere Polizei, „Arbeitsagenturen“ (zB Arbeitsamt, AMS), Kammern, Lobbyvereine usw. - steht scheinbar still: er ist ein sich selbst reproduzierender Monolith, sozusagen das materielle Gerüst (Nicos Poulantzas)[1], der herrschenden kapitalistischen und patriarchalen Klasse. Kapitalismus und Patriarchat gehören untrennbar zueinander. Beides bedingt sich. Ersteres wäre ohne Letzteren undenkbar und umgekehrt. Würde der eine fallen, würde der andere fallen. Aktuell fällt besonders auf, dass ausgerechnet SPÖ und SPD die Austeritätsprogramme (von lat. austeritas „Strenge“: bezeichnet eine strenge staatliche Sparpolitik, die durch Haushaltskürzungen und Steuererhöhungen einen ausgeglichenen Haushalt sowie den Abbau von Staatsverschuldung anstrebt […]; wikipedia) von den konservativen und rechten Parteien nicht nur übernehmen (SPÖ), sondern nahezu freiwillig noch darüber hinausgehen und aktiv an der autoritär-repressiven Zerstörung des Sozialstaates mitarbeiten (SPD). Man darf geschockt sein, woran sich SPÖ und noch viel mehr SPD gerade in Regierungsverantwortung beteiligen. Man geht den falschen neoliberalen Weg, den man im deutschsprachigen Raum spätestens in den 1990er Jahren gewählt hat, unbeirrt von wegbrechender Zustimmung und parteiinternen Kritik stur weiter, ab in den Untergang (SPÖ), ab in die (verdiente) Bedeutungslosigkeit (SPD). Die Rezepte von Kapitalismus und Austerität (ich rekurriere hier vor allem auf das Buch von Clara Mattei) sind keine Naturgesetze, es gibt Alternativen zum Kaputtsparen des Sozialstaates, zur Drangsalierung von Arbeitslosen und Kranken, zur endlosen Förderung von fossilen Energieträgern und zu irgendwann nicht mehr stemmbaren Steuererhöhungen für die untere bis mittlere Mittelschicht. Gerade die untere Mittelschicht wählt heute überwiegend rechts (und nicht erst seit heute, wie man unter vielen etwa in der „Dialektik der Aufklärung“ nachlesen kann). Und das muss nicht so sein, das ist ebenfalls kein Naturgesetz. Man sieht, dass man heute kaum mehr aufsteigen kann, dass wir heute bzw. seit 20-30 Jahren die erste Generation haben, der es nicht besser geht als jener davor. Surprise: auch das ist kein Naturgesetz! Der Staat selbst gibt vor, un-ökonomisch zu sein sowie un-politisch – das ist aber nicht wahr. Sowohl Staatsmacht als auch Staatsapparat sind vollkommen durchdrungen von neoliberalem Kapitalismus und konservativer Politik für Reiche, Bauern und Postenkorruption für Parteifreunde. Das beste Beispiel sind Arbeiter*innen, die diametral gegen ihre Interessen wählen. Und diese Absurdität kommt ihnen nicht einmal in den Sinn.
Als intersektionale Feministin möchte ich an dieser Stelle auch die Rolle des Feminismus besprechen. Es ist offensichtlich, dass Männer es schon immer verkackt haben und auch weiterhin verkacken werden. Die Zukunft der Welt liegt in den Händen der Frauen, nur wir können, mit einigen feministischen Verbündeten unter den Männern (hoffentlich immer mehr), den Karren aus dem Dreck ziehen, in den ihn der Großteil der Männer hineingefahren hat. Das ist einerseits eine enorme Verantwortung, andererseits natürlich auch hochgradig unfair. Feminismus als Idee der Gleichberechtigung und Gleichstellung müsste heute überall hineinstrahlen. Man muss den Männern permanent klarmachen, dass ihr Verhalten und Denken als „Looksmaxxer“, „Chads“, Trumps und Incels absolut nicht ok ist. Die wahre totalitäre Dystopie (meine ich als unter anderem Fan und Autorin von Science/Speculative Fiction) ist immer, wenn einige Wenige über das Schicksal von Vielen entscheiden. Daraus sind immer die größten Katastrophen entstanden. Und bis dato waren das zu 99% unsichere toxisch-psychopathische Männer. Übrigens: Sexismus und Rassismus sind zwei Seiten der selben Medaille. FPÖ/AfD und Taliban haben mehr gemein als sie möchten.
Solange die herrschende Klasse von den aktuellen Produktionsverhältnissen profitiert, wird sich daran nichts ändern. Es gibt eine schrumpfende Arbeiterschicht (die Wende hin zur Dienstleistungsgesellschaft wird nicht mehr stoppen), die von der Linken seit den 1980er Jahren über den angeeigneten Neoliberalismus sukzessive verraten wurde (Didier Eribon). Sofort wurden die Arbeiter*innen über einen perfiden Rassismus von den rechten Parteien gewonnen. Die heutige Arbeiterschicht wählt rechts aus vier Gründen:
· Sadopopulismus: „Hauptsache, es geht einer anderen Person noch schlechter als mir“. Man ist logischerweise hoch unzufrieden mit dem Status Quo und fühlt bzw. weiß, dass das aktuelle politische Konzept nicht das Richtige ist. Also dass die Herrschaft weniger Überreicher, vor allem von Männern, vor allem von Techno-Oligarchen, über nahezu alle anderen Menschen, nicht korrekt sein kann. Der dafür von rechts präsentierte Sündenbock dafür sind alle Menschen, die in das eigene Heimatland zugewandert sind, und für viele Männer auch Frauen sowie queere Menschen, die Heteronormativität, Geschlechterbinarität und Patriarchat mindestens in Frage stellen, wenn nicht sogar ‚gefährden‘, indem sie in Bereiche ‚eindringen‘, die bis dato männlich ‚reserviert‘ waren. Der Shitstorm gegen Simone de Beauvoir von 1949 hat nie aufgehört.
Diese Feindbilder wurden über viele Jahre hinweg aufgebaut. Das ist nicht von heute auf morgen geschehen. Dito die Diskursverschiebung nach weit rechts: heute ist sagbar, was vor 30 Jahren noch unsagbar war. In Österreich hat das unter Jörg Haider in den 1990er Jahren begonnen, in Deutschland ab 2010 würde ich sagen. Aber wirklich eskaliert ist das alles mit dem Aufstieg der MAGA-Bewegung in den USA. Also ab ca. 2013, auf Facebook etwas früher mit dem Aufkommen der so genannten „gender criticals“ – das ist eine extrem reaktionäre Bewegung, die eine Deutungshoheit über LGBT-Themen beansprucht (ich habe dazu bereits geschrieben). Ab dem Moment, dass ein psychopathischer höchst toxischer verurteilter Straftäter Präsident der USA werden konnte, sind alle Dämme gebrochen. Dass hinter ihm sämtliche überreiche Tech-Oligarchen stehen, wird ebenfalls in die Geschichte eingehen als Gipfel der Absurdität und Perversion der disruptiven spätkapitalistischen Phase des Anthropozäns.
· Keine Medienkompetenz: die rechten Parteien schaffen es perfekt, die sozialen Medien und damit den Diskurs zu dominieren wie keine Schicht jemals davor. Sie nutzen dabei die nicht bestehende Medienbildung vor allem der Boomergeneration aus und dauerbeschallen etwa auf Facebook und in vollkommen intransparenten Telegram-Kanälen die älteren Menschen mit ihrer menschenfeindlichen Propaganda. Aber auch junge Menschen unter 30 oder Leute in meinem alter (45) haben keinen magischen Immunitätsschild gegen rechtsradikale Propaganda auf asozialen Medien. Dieses Problem ist ‚Dank‘ unregulierter Plattformen und Kanäle über mindestens 20 Jahre hinweg in die gesamte Gesellschaft eingesickert und das fällt uns allen heute auf den Kopf, dieses Zuschauen und neoliberale Machen-Lassen.
· Bildungsdefizite: das (Un)Bildungssystem, das die eigene Klasse bzw. Herkunft reproduziert und kaum einen Wechsel in eine ‚höhere‘ Schicht zulässt, produziert nicht nur Frust bzw. Verzweiflung, sondern auch Hass auf einen Sündenbock, der ihnen von der herrschenden Klasse als Migrant, als trans Frau oder als sonstwas geliefert wird. Es gibt so gut wie keine vertikale Klassenmobilität (mehr), denn sie ist nicht gewollt – andernfalls hätte man etwa bei uns in Österreich schon längst das uralte Maria Theresia System geändert/verbessert. Allein die Einführung der Zentralmatura in Österreich nach neoliberalen Gesichtspunkten hat dafür gesorgt, dass die Wissensproduktion wie die Wissensreproduktion in den Händen der herrschenden Klasse liegt. Jede Reform inklusive der aktuellen der letzten Jahrzehnte war eine Verschlimmbesserung.
Jeder dieser Punkte ist kein Naturgesetz, keiner dieser Punkte ist unveränderlich. Aber sobald die Linke oder die Grüne eine Gegenhegemonie (Ulrich Brand) aufbaut – etwa Postgrowth-Ökonomien wie den Ökosozialismus oder Donut-Ökonomien – werden sie von den Rechten und den ihr hörigen Medien, also von der herrschenden Klasse, diffamiert und verleumdet: „das ist ja Marxismus“. So funktioniert die heutige postfaktische Welt. Zusätzlich wettert man ebenso postfaktisch und höchst propagandistisch gegen jede Form von gesetzlicher Regulierung. Regulierung an sich wird als negativ und schlecht dargestellt, vollkommen unabhängig von Sinn des jeweiligen Gesetzes (außer es ist Bürokratie für die eigene reiche fossile politische Kaste). Die neoliberalen Kräfte haben dabei aber vor allem Umwelt- und Klimaschutzgesetze bzw. die Energiewende sowie den Sozialstaat und Grundrechte marginalisierter Gruppen als totales Feindbild identifiziert. Auf EU-Ebene stimmen die Konservativen bzw. Reaktionären offen mit den Rechtsextremen, um ihre zukunftsfeindliche Agenda um jeden Preis durchzusetzen. Sie wollen die Zeit zurückdrehen eine glorreiche Vergangenheit, die nur in ihren engen Köpfen existiert. Die Motive liegen dabei wohl oft im Bereich von Boshaftigkeit, gekränkter Männlichkeit und Korruption – intensives Lobbying durch fossile Agenten wird nicht ausreichen. Die Ergebnisse sind durchwegs verheerend. Nicht nur wird die hochnötige Energiewende aufs Spiel gesetzt, man verliert zusätzlich auch den Anschluss an China, das uns in Österreich und Deutschland davongaloppiert. Andere westeuropäische Länder sind weiter als Ö und D. ÖVP, CDU und CSU leisten ganze Arbeit beim Vernichten unseres Wirtschaftsstandorts, wenn sie an alten Technologien festhalten und das als „Technologieoffenheit“ verklären. Das wird auch in die Geschichte eingehen und man wird sich die Namen merken. China lacht sich permanent ins Fäustchen ob der Blödheit unserer fossilen Politiker*innen. Leider sind unsere Medien nicht mehr fähig und/oder willens, auch nur irgendeine Gegenwehr gegen diese ganzen Idiotien zu leisten, das Medienversagen ist omnipräsent und omnipotent. Im Gegenteil: da die meisten ‚legacy media‘ selbst in Händen von (über)reichen Oligarchen sind, pusht man sogar noch das Narrativ der Rechtsreaktionären, anstatt wichtige Aufklärungsarbeit zu leisten. Zum Beispiel BILD und kronenzeitung betreiben aktiv zukunftsfeindliche rechtsreaktionäre Politik und sind keine Zeitungen mehr. Die Foren bleiben natürlich auch, wie leider heutzutage nahezu überall (looking at you, standard), weitestgehend unmoderiert. Die Menschen kotzen seit Jahrzehnten ihren Hass unter Klarnamen ins Netz, es hat nie sonderliche Konsequenzen.
Was ebenfalls negativ auffällt, ist die Rückkehr des generischen Maskulinums in nahezu allen Medien. Auch dieser Backlash geht von der herrschenden hochkonservativen Klasse aus und besagt, dass der monolithische Block von Staatsmacht und Staatsapparat im Endeffekt unsere Sprache und unsere Begriffe kontrolliert. Wie das im Sinne von 1984 in der Realität ausschauen kann, sieht man in den USA. Dort gibt es eine nahezu totalitäre Unterdrückung bzw. Umdeutung von bestimmten Begriffen und Worten, aber auch von Menschengruppen. Das ist die Tyrannei des Patriarchats, die von vielen als gottgewollt hingestellte Hierarchie, in der Männer eine ‚naturgegebene‘ herrschende Rolle einnehmen – das ist purer faktenwidriger Biologismus. Nicht erst seit Simone de Beauvoir wissen wir, dass das vollkommener Quatsch ist.
Ein weiteres Problem ist die Zersplitterung der subalternen Klasse, die sich erstens ja gar nicht als solche empfindet (heute ist jeder Mittelschicht), und die zweitens untereinander keinerlei Solidarität mehr empfinden (wieder Stichwort Sadopopulismus). Dabei wäre man als Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse (Karl Marx) eigentlich gut erkennbar: nämlich diejenigen etwa 70%, die vom Status Quo eben nicht profitieren[2]. Diejenigen, die nichts erben oder vererben, die nicht in Eigentum wohnen oder etwas vermieten, die keine Finanzprodukte besitzen usw. Armut ist politisch gewollt – das ist extrem wichtig zu wissen und kann nicht oft genug gesagt werden. In reichen Staaten wie jenen Westeuropas müsste niemand obdachlos sein, müsste niemand hungern. Es gäbe genug Geld, man müsste es sich nur holen (siehe weiter unten). Aber die herrschende Klasse braucht die Armutsklasse bzw. die Klasse der Subalternsten bzw. andere marginalisierte Gruppen, um der Mittelschicht permanent vor Augen zu halten, wo man landen könnte, wenn man sich den kapitalistischen Gesetzen nicht brav unterwirft: „Gehst du nicht jeden Tag brav arbeiten, werden wir dich als Arbeitslose richtig fertigmachen“. Armut hat im Spätkapitalismus vor allem eine disziplinierende abschreckende Funktion (Mattei). „Also sei still, kooperiere und mach, was wir dir anschaffen, sonst wirst du alles verlieren, was du hast!“ Damit übertreibe ich leider nicht, ich habe selbst Erfahrungen mit Existenzängsten und dem Arbeitsamt.
· Die Reaktion auf dieses Faktum ist ebenfalls das Wählen von rechten Parteien als Punkt 4 meiner Aufzählung. Weil man keine Aufstiegschancen mehr sieht, weil man das aktuelle System zurecht als unfair wahrnimmt, weil man sich verlassen und drangsaliert und ausgenommen fühlt: diese Gefühle sind es, die oft leider mit der Realität zusammenpassen, die wütend und richtig zornig machen und wegen denen man nicht zuletzt aus Trotz sehr rechte Parteien wählt. Man möchte ja das System ändern, was prinzipiell freilich richtig ist. Aber das Problem ist, dass man mit rechtsextremen oder faschistischen Parteien genau entgegen den eigenen Interessen wählt. Man möchte den teufel mit dem Beelzebub austreiben. Das System des Kapitalismus gehört beendet (oder „zerstört“ – siehe die hervorragende Analyse von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey), aber das Wählen von faschistischen Parteien, ist der falsche Weg, um das eigene Leben zu verbessern. Man macht es nur für andere Gruppen/Schichten/Klassen schwerer (siehe Punkt 1 Sadopopulismus).
Denn der Kapitalismus und der Faschismus sind wie Kapitalismus und Patriarchat Brüder im Geiste. Der Kapitalismus in Gestalt von Großkonzernen wird sich immer mit dem Faschismus verbünden, die herrschende Klasse wird immer die faschistoide Unterdrückung der Mittelschicht wählen (der Subalternsten sowieso), um an der Macht zu bleiben, um immer noch reicher zu werden (siehe Mussolini Anfang der 1920er Jahre in Italien; Clara Mattei).
Und um was es scheinbar überhaupt nie geht, sind die Wünsche und Bedürfnisse der jungen Menschen, der unter 30jährigen. Wir leben zuguterletzt auch in einer Gerontokratie. Nichts für ungut, aber wenn Pensionen stärker steigen als das Einkommen der arbeitenden Bevölkerung, dann stimmt etwas gewaltig nicht mehr.
Wir sehen also aktuell und abschließend ein Zusammenbrechen sogar der vorherrschenden petrokapitalistischen Postdemokratie. Wir sind in vielen Ländern Europas teils seit Jahren und Jahrzehnten in kapitalistisch-patriarchal-fossilen Postdemokratien. Österreich und Deutschland sind aufgrund radikal-konservativer rückständiger verbohrter Politik über Jahrzehnte hinweg nahe am Zusammenbruch zur Bananenrepublik bzw. zum Failed State, denn eine austeritär-kapitalistische Postdemokratie ist kein stabiler permanenter Zustand. Wenn noch länger konservative oder sogar rechtsradikale Kräfte an die Macht gewählt werden, die naturgemäß die Lage nur noch mehr verschlimmern können, dann wird das ein sehr böses Ende nehmen. Die Abwahl Orbans macht dabei allerdings ebenso Mut wie das absehbare Ende der Superdominanz der MAGA-Republikaner im amerikanischen Kongress. Ich selbst möchte lieber vorsichtig optimistisch in die Zukunft blicken als pessimistisch. Daher noch ein paar Anregungen…
Mein Tipp für linke und grüne Parteien: setzt wieder viel mehr auf das Thema Klasse/Schicht und das Thema Klimawende. Die Menschen brauchen wieder ein Bewusstsein, dass sie im patriarchalen Spätkapitalismus nur verlieren können – und sie brauchen unbedingt eine positive produktive Alternative zum Wählen von rechtsfaschistoiden Parteien. Mit diesen Alternativen muss man viel offensiver umgehen, auf social media, aber auch in den traditionellen Medien. Und besteuert endlich fair die oberen 10%! Was auch sehr stört ist die ungerechte Verteilung von Steuergeldern, etwa über fossile oder über Parteienförderungen. Der Ökozid gehört mit all seinen Konsequenzen jeden Tag thematisiert.
PS: Auf was ich hier aktuell nicht weiter eingehen kann, sind Diskurstheorien und performative Sprechakttheorien. Das wird in Zukunft folgen.
[1] Poulantzas hatte vor allem mit drei Punkten sehr recht, in Ergänzung zu Gramsci: erstens, dass sich Kämpfe in der Gesellschaft direkt im Staatsapparat widerspiegeln; zweitens, dass sich der Staat vor den zugriffen vor einzelnen Kapitalisten viel besser schützen müsste; und drittens, dass sich alles, was zur Reproduktion der Herrschaftsverhältnisse beiträgt, Teil des staatlichen Systems ist. Stichwort autoritärer Etatismus, den wir in späten Postdemokratien bzw. im spätkapitalistischen Petromaskulinismus erfüllt sehen.
[2] Diese 70% teilen sich in sich noch auf in Subalterne, untere und mittlere Mittelschicht. 20% sind obere Mittelschicht und 10% gibt es (Über)Reiche.