Dienstag, 19. Mai 2026

Das exkludierende Schulsystem; Analyse der Gegenwart, Teil 4

Ich werde diesmal aus dem Nähkästchen plaudern. Ich bin u.a. Nachhilfelehrerin und Trainerin in der Erwachsenenbildung. Ich unterrichte einerseits Deutsch, Englisch und Latein bis zur Matura sowie Mathematik für die Unterstufe, andererseits Zerspanungstechnik, CNC-Technik, Metalltechnik sowie Zeichnen bzw. Konstruieren für Lehrlinge und Erwachsene. Ich denke, ich habe einen sehr guten Einblick in unser Unbildungssystem. Zahlreiche Studien bzw. wohl weit über 90% sämtlicher Bildungsstudien bestätigen mich in meinen Erfahrungen und Schlüssen. Uneins sind wir uns bei diesem ersten Punkt, der mir aber sehr wichtig ist:

Der größte kontraproduktive Blödsinn war, dass man unser Schulsystem von einem Bildungssystem auf ein so genanntes Kompetenzsystem umgestellt hat. Das geschah in einem ersten Schritt mit der Einführung des unseligen Bologna-Systems an Universitäten ab 2003 und danach an den Schulen ab 2009 mit dem Höhepunkt der Zentralmatura ca. 2015. Schon in der Kritischen Theorie in den 1950er und 1960er Jahren wusste man, dass die allgemeine Messbarkeit von Menschen und unseren Erzeugnissen kapitalistischer Schwachsinn ist. Insbesonders kann man keine Geisteswissenschaften "messen" oder "berechnen" wie eine Länge oder ein Volumen. Am schlimmsten merkt man das im Deutschunterricht mit den 7 Textsorten - mit diesem Stumpfsinn hätte man auch mir als Vielleserin die Freude an Deutsch und an Geschichten gestohlen. Es darf sich auch niemand wundern, dass die Jugendlichen und die meisten der jüngeren Studierenden heute keine Bücher mehr lesen können. Das Stichwort hier lautet "Reading Stamina" und ich verlinke hier einen sehr guten Artikel über die Leseschwäche aus dem The Atlantic über die nicht mehr vorhandene Lesefähigkeit von Elitestudierenden. Es ist erschütternd. Und das gleiche geschieht mit Anlauf in Österreich seit mindestens 10 Jahren (in Deutschland geht es euch da einerseits besser, andererseits schlechter, weil Bildung Ländersache ist). Die Fähigkeit, einen längeren Text bzw. ein Buch/einen Roman zu lesen und zu verstehen, hat in den letzten 10 Jahren stärker abgenommen als in den Jahren davor. Unterstützt wird diese Devolution noch durch den pathologischen Konsum von (a)sozialen Medien und vor allem von Kurzvideos auf Instagram oder TikTok, die aus dem Gehirn Grütze machen. Zu meiner Zeit haben wir noch den ganzen Faust 1 gelesen, Kafka, Grillparzer, Lessing usw. usf. Von dem sind wir heute Lichtjahre entfernt. Heute ist es ja schon eine Zumutung, wenn man einen 2-seitigen Zeitungsartikel zusammenfassen muss. Das Hirn wird auf die Produktion von Kurztexten und auf die Reproduktion von Standardphrasen konditioniert. Insgesamt bin ich eine Gegnerin des neoliberal-kapitalistischen Kompetenzdenkens - also desjenigen Denkens, das Wissen, Fähigkeiten, Bildung, Aneignungen usw. nur mehr in "nützlich" und "unnütz" für das weitere "echte" (Berufs-)Leben einteilt. Heute sieht es unter vielen unser neoliberaler Bildungsminister als "Lächerlich", dass wir damals in den 1980er Jahren in der Volksschule die Nebenflüsse von Mürz und Mur gelernt haben. Sein Ziel ist scheinbar, dass wir uns in geografie genauso blamieren wie US-Amerikaner, denen alles fremd ist, das weiter als eine Nasenspitze entfernt existiert. Es gibt in der Forschung zum kapitalistischen Klassensystem den Begriff "unnützes Wissen" und dieses ist darin den herrschenden Klassen vorbehalten. Ich sehe das natürlich diametral anders: Bildung und Wissen, egal, ob auf den ersten Blick "wichtig" oder "unwichtig" - in meinem Leben gibt es kein "unwichtiges Wissen", ich bin ein Schwamm - steht allen Menschen offen. Ich selbst verfüge über ein hohes Maß an Allgemeinbildung, da ich jetzt seit gut 30 Jahren alle möglichen und unmöglichen Bücher in mich aufsauge und Dank eines partiell eidetischen sowie partiell fotografischen Gedächtnisses sehr gut abspeichere. Und ich möchte, dass alle Kinder und Jugendlichen das gleiche erleben können wie ich, wenn sie beispielsweise wie ich mit 14 oder 15 Jahren zuerst "Sleepers" und dann den "Graf von Monte Christo" lesen würden, zwei der besten Rachegeschichten, die je geschrieben wurden und der pure Eskapismus für mich. Bücher sind für mich das Leben, aber dazu in einem der nächsten Blogposts, wenn ich über das Lesen und Schreiben erzählen möchte. Ich bin allen Menschen dieses Gefühl zutiefst vergönnt. Ja, beim schauen von Filmen kann man ähnliches fühlen - aber kein Film ist so gut wie ein Buch. 

Ein weiterer Punkt ist, dass an den so genannten "Allgemeinbildenen Höheren Schulen" - und nicht nur dort - (spätestens) ab der 7. Klasse alle Schularbeiten auf Computern geschrieben werden, in einem Word-Dokument mit AKTIVIERTER Rechtschreib- und Grammatiküberprüfung. Als ich das erfahren habe, erlitt ich nahezu einen Herzinfarkt. Rechtsschreib- und Grammatikkenntnisse werden meines Wissens nach jetzt in extra "Boxen" abgeprüft, wie in Fremdsprachen. Es ist so irre. Ich habe in den 1990ern bei nahezu jeder Schularbeit eine kreative Geschichte geschrieben und auf 4 Seiten maximal 2 Fehler gemacht und ein Sehr gut erhalten (Dank an meine Oma selig). Meine Geschichten wurden meistens laut vorgelesen und es war klar, dass ich auch Schriftstellerin werden würde. 

Man darf sich also nicht wundern, dass niemand mehr Deutsch kann und nach Schulabgang über keinerlei Bildung verfügt. Es gibt keine Allgemeinbildung mehr, man kann heute kein Gespräch mehr führen zu Kunst oder Politik oder Philosophie oder Feminismus usw. Es ist ein Wahnsinn. Dafür können die Maturant*innen 08/15-Texte nach Schema F produzieren wie Kommentare, Zusammenfassungen, Leserbriefe. Dafür werden Phrasen auswendig gelernt, ja ganze in der Nachhilfe vorgefertigte Texte. Die eigene Kreativität, der eigene Lesespaß existiert nicht mehr. 

Weshalb man noch in Mathematik pflichtmäßig maturieren muss, ist mir ein Rätsel. Was man in den 7. und 8. Klassen lernt, und 1 Jahr später wieder vergessen hat, wird von nichteinmal 5% der Maturant*innen jemals wieder benötigt. Da füttert man auch Nachhilfeinstitute mit Millionen. 

Ein weitere hochaktueller Punkt ist so genannte "KI". Ich weiß von meinen Schüler*innen, dass sich sehr viele von ihnen die Hausaufgaben von KI machen lassen. Und sie haben vollkommen recht damit, ich hätte das auch so gemacht. Denn das Konzept von Hausaufgaben und damit Freizeit vergeuden, ist vom 19. Jahrhundert. Das ist der Hauptgrund, siehe weiter unten, dass ich für Ganztagesschulen bin. Selbstständiges Bearbeiten von Aufgaben mit Unterstützung, wenn nötig, findet am besten in den Schulen statt - ohne Ablenkung durch Smartphones oder sonstiges Quaqua. Der Umgang mit diesen KI will gelernt sein. Dafür bieten sich Mathematik an, Informatikunterricht und natürlich der Deutsch- oder Englischunterricht. Oder man lässt externe Expert*innen an die Schulen kommen und hält tageweise Workshops ab, die regelmäßig wiederholt bzw. vertieft werden. Aber man darf weder Kinder noch Erwachsene mit diesen LLMs allein lassen. Ich habe vor kurzem einen Artikel gelesen (und es werden fast täglich derartige Kommentare publiziert), dass sich diejenigen Universitäten als Eliteuniversitäten durchsetzen werden, die KI am besten regulieren bzw. unter Kontrolle halten. Wo Studierende noch das eigene Hirn verwenden müssen, etwa in mündlichen Prüfungen, dort werden sich die Intelligentesten zusammenfinden; und nicht dort, wo alles mit KI fabriziert wird. Weder unser Schulsystem, noch die Unisysteme weltweit sind diesbezüglich aktuell ausreichend vorbereitet. Dass Studierende nahezu jedes Schupfloch ausnutzen, darf man ihnen nicht vorwerfen, unser kapitalistisch-neoliberales System belohnt diejenigen, die Schlupflöcher finden und sich durchschummeln.

Das nächste Problem ist die viel zu frühe Trennung der Schüler*innen im Alter von 9 bzw. 10 Jahren. Das zementiert schon sehr früh den Schulweg ein und führt zu klassistischen sozialen Trennungen. Wobei eine soziale Durchmischung vom Besitzbürgertum, und damit von der ÖVP, ja gar nicht gewollt ist. Die sind froh, wenn ihre Kinder nicht mit Kindern der populären oder subalternen Klassen die gleichen Schulen besuchen. Das Besitzbürgertum vertritt hier die Anliegen der so genannten "legitimen" Kultur (= "Hochkultur", Kultur des "Bildungsbürgertums"), indem die Kultur der populären Klassen unterdrückt und ausgemerzt wird. Das zeigt sich auch sehr schlimm in den Anfeindungen aller Menschen, wenn man nicht Hochsprache spricht. Beispiel Vizekanzler Andreas Babler. Wenn er Dialekt spricht und gelegentlich versucht, die Interessen der Arbeiterklasse bzw. der kleinen Leute zu vertreten: er wird von den Journalist*innen des Besitzbürgertums angefeindet. Es zeigt sich, dass es für das Besitzbürgertum nur eine legitmime Kultur gibt: nämlich ihre eigene so genannte "Hochkultur". Wer davon ausbricht, gehört nicht dazu und wird angefeindet. Zum Unbildungssystem habe ich schon sehr viel geschrieben. Heute möchte ich mich auf die Lösungen konzentrieren.

1. Die klassistische Trennung im Alter von 9 bzw. 10 Jahren muss aufhören. Entweder man verlängert die Volksschule, was ich skeptisch sehe, oder - was ich bevorzuge -, man installiert eine Gesamtschule mit Lehrkräften von NMS und Gymnasien plus interner Differenzierung: es gehören die Schwachen und die Starken genauso gefördert, gleich wie Fähigkeiten und Interessen (also musikalisch, Sport, Sprachen, MINT...). In einem ersten Schritt kann die Gesamtschule 2 Jahre dauern, also von 10-12 bzw. als 5. und 6. Schulstufe, in einem nächsten ja dann die vollen 4 bis man sich für eine weiterführende Schule oder für eine Lehre entscheidet.

2. Wir benötigen seit vielen Jahren Ganztagesschulen. Das dient nicht nur dazu, dass die Schüler*innen ihre Aufgaben bereits in den Schulen und mit Unterstützung erledigen können; sondern auch, damit sie ebenfalls mit Unterstützung gleich lernen können. Beides dient vor allem dazu, die Kinder von ihren Smartphones, von social media und von KI wegzuhalten, zumindest bis sie den Umgang damit gelernt haben. Kinder und Jugendliche sollen genügend Zeit haben, um Kinder und Jugendliche zu sein. Nicht zuletzt würde eine Ganztagesschule viele Betreuungsprobleme von Alleinerzieher*innen lösen (weil gerade immer weniger Frauen in westlichen und östlichen (ehemaligen) Industrienationen Kinder bekommen: wundern dürft ihr euch nicht liebe Politiker! Wir Feminist*innen sagen euch die Lösungen seit Jahrzehnten! Ein extrem wichtiger Aspekt des Ganzen ist eine gratis Ganztagesbetreuung!)

3. Apropos Smartphones. Deren Besitz sollte bei unter 12-Jährigen verboten sein. Social Media sollte für unter 16-Jährige verboten sein, man muss diesen ganzen Dreck als die Droge behandeln, die er ist (man kann ja versuchen über DSA und DMA bei den amerikanischen Tech-Giganten anzusetzen, aber bis dahin vergehen Jahre und diese Zeit haben wir schon lange nicht mehr). Es gibt Apps, die können etwa aus der ID-Austria allein das Alter auslesen - es braucht hier weder einen Palantir-Faschismus, noch andere Verstöße gegen die DSGVO. TikTok und X würde ich in ganz Europa geoblocken. Nichts für ungut, aber TikTok macht aus Hirnen Grütze, aus Schüler*innen abwechselnd Islamist*innen oder Rechtsextreme und X ist die größte Hassschleuder und die größte Fakepornoschleuder aktuell weltweit (vollkommen unverständlich, dass sich dort noch europäische nicht-rechtsextreme Politiker*innen tummeln). Außerdem müssen Jugendliche wie Eltern Medienkompetenz lernen. Ich bin 45 und kann am Laptop sowie im Internet mehr als meine Schüler*innen. Boomerbook bzw. Facebook ist heute leider ein Hort an Verschwörungsmythen für die ältere Generation, die noch weniger als ich in den Schulen irgendeine Medienbildung gelernt hat (ich bin Absolventin des Medienlehrgangs der KF Uni Graz, der leider vor 10 oder 15 Jahren abgesetzt wurde, und habe dort bereits sehr viel über Medien und Journalismus gelernt). Niemand sollte täglich mehr als 2 oder 3 Stunden am Handy picken.

4. Die Vorschule darf keinesfalls abgeschafft werden. Sie ist ein hochwirksames Instrument für Kinder mit Deutschschwäche und für Kinder, die im August oder September zur Welt gekommen sind. 

5. Ich trete für die Inklusion von Kindern mit körperlichen Behinderungen ein, bei Menschen mit geistigen Behinderungen bräuchte es noch viel mehr Geld, dass das gelingen könnte. Man hätte damit aber schon vor 20 Jahren anfangen müssen. 

6. Gesunde warme Mahlzeiten an Kindergärten, Schulen und in allen anderen Kantinen. Für armutsbetroffene Familien sollte es diese Essen gratis geben. Armut ist aktuell leider wieder ein dringenderes Problem bei den gegenwärtigen Sparpaketen. Statt weniger neoliberalen Kapitalismus gibt es nach der Pandemie wieder mehr.

7. Ich bin zwar Nachhilfelehrerin, aber in einem funktionierenden Bildungssystem dürfte es keine außerschulische Nachhilfeinstitute geben. Lehrkräfte, die es nicht schaffen, während ihres Unterrichts ihre Schüler*innen ausreichend zu unterrichten bzw. auszubilden, haben ihren Beruf verfehlt.

8. Wir benötigen ein Aufnahmeverfahren für Lehrkräfte. Es darf nicht jede/r Lehrer*in werden. Vor allem die emotionale und die soziale Intelligenz gehören in Tiefeninterviews getestet (ja, das kostet, aber wir wollen nur die Besten für unseren Nachwuchs).

9. Die Berufsschulen müssen ausgedehnt werden auf jährlich mindestens 12 Wochen, besser 14 (von aktuell ca. 9). Die Jugendlichen lernen nicht annähernd genug für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. 

10. Es ist zu überlegen, ob man nicht von Haus aus auf 4 Lehrjahre bzw. 4 Klassen Berufsschule umstellt. Auch Lehrlinge haben ein Recht auf Bildung, aktuell geschieht das höchst unzureichend und noch immer haben viele Lehrberufe den Mief, dass man nur einen Beruf lernt, wenn man "dumm" ist und nicht lernen will (was immer häufiger Quatsch ist und glücklicherweise gibt es die "Lehre mit Matura"). 

 11. Unterricht in Demokratie, politischer Bildung und Neue Medien ist heute essenziell. Außerdem müsste man Religion in Ethik und Religionen umfunktionieren.  

Diese 11 Punkte sind nicht abschließend, es sind mitsamt meinen Ausführungen die dringendsten Probleme, die mir primär aus der Praxis heraus sowie nach der Lektüre zahlreicher Fachbücher zum Thema Klasse/Klassismus/Kapitalismus aufgefallen sind. Zum Klassismus von Bildungssystemen schreibe ich nahezu in jedem Blogbeitrag, weil das so ein eklatantes, zentrales und altes Problem ist, daher bitte auch die anderen Beiträge lesen. Aktuell sparen unsere Regierungen wieder einmal alles zu Tode, anstatt zu investieren. Gerade heute hat die inferiore österreichische Bundesregierung verlautet, dass man bei den Universitäten einsparen wird, nachdem man schon zwei Lateinstunden und damit auch zwei Stunden einer lebenden Fremdsprache in den Oberstufen umgeschichtet hat zu irgendwas mit KI, wofür es noch nichteinmal Lehrkräfte oder Konzepte gibt (ich unterrichte Latein und bin der Meinung, Latein ist eines der letzten Fächer an den AHS, das Allgemeinbildung, allgemeine Linguistik, Rhetorik, europäische Geschichte usw. lehrt; das Streichen von zwei Stunden lebende Fremdsprache kann man nur als dumm beizeichnen). Man hört wieder auf die neoliberal-kapitalistisch-austeritäre Gottheit. Die gegenwärtigen und kommenden Sparpakete zerstören sehr vieles und das meiste davon wird man nie wieder aufbauen. Es geht dabei gleichermaßen um Strukturen wie um Menschen und deren Schicksale. Armut ist dabei genauso gewollt wie ein klassistisches (Un)Bildungssystem - diese Fakten sollten allen Menschen bewusst sein. Aktuell ist kein Ausweg in Sicht. 

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